Kalender in mittelalterlichen Handschriften

Kalenderblatt April des St. Albans-Psalter. Kalender kommen in Handschriften des Mittelalters häufig vor. Immer dann, wenn die Benützung eines Kodex die zeitliche Orientierung im Jahreslauf erforderlich machte, war es natürlich auch sinnvoll, das Buch mit entsprechenden Informationen auszustatten.

Vor allem in Stundenbüchern und in Psalterien finden wir sehr häufig Kalender, klarerweise auch in astronomisch-astrologischen Werken. Um den Inhalt dieser Bücher nützen zu können, war es notwendig, eine Orientierungshilfe im Jahreslauf zur Verfügung zu haben, da man etwa am Sonntag, in der Passionszeit oder während des Advents bestimmte Gebete oder Psalmen zu sprechen hatte.

Handschriften, ganz besonders reich bebilderte, waren etwas extrem Wertvolles, Teures – Luxusgegenstände. Es wäre nicht sehr sinnvoll gewesen, solche Bücher wegen des Kalenders nur in einem bestimmten Jahr benützen zu können. Deshalb wurden sie für den „immerwährenden“ Gebrauch eingerichtet, wobei das in der Realität natürlich einzuschränken ist. Es ist gar nicht so einfach, Kalender so zu konstruieren, dass sie für viele Jahre verlässlich alle notwendigen Informationen liefern konnten. Das astronomische und mathematische Programm dahinter ist nicht zu unterschätzen. Um das verstehen zu können, müssen wir einen Ausflug in die Computistik machen, wie man die Wissenschaft von der Kalenderberechnung nennt.

Der Gliederung der Zeit dienen natürliche periodische Vorgänge, die das Leben auf der Erde beeinflussen. Da ist zuallererst das Auf- und Untergehen der Sonne zu nennen, Tag und Nacht waren immer wiederkehrende Veränderungen, die den Lebensrhythmus der Menschen prägten. Unübersehbar war dabei, dass sich die Längen der Phasen von Dunkelheit und Helligkeit änderten. Bereits sehr früh waren die Menschen in der Lage, den Zeitpunkt des längsten Tages und des höchsten Sonnenstandes sowie des kürzesten Tages und tiefsten Sonnenstandes zu bestimmen. Auch die beiden Termine, an denen Tag und Nacht genau gleich lang dauerten, waren seit Jahrtausenden bekannt. Daraus ergab sich auf einfache Weise eine Vierteilung des Jahres, Winter- und Sommersonnenwende sowie Frühlings- und Herbsttagundnachtgleiche dienten der Begrenzung der Jahreszeiten.

Von besonderem Reiz für den modernen Betrachter sind reich illustrierte Kalender. Am häufigsten findet man Tierkreiszeichen und Monatsbilder. Die Sternbilder des Zodiakus sind meist in typischer Weise gezeigt, der Steinbock oft als Ziegenfisch. Die Monate wurden zum Teil in Anlehnung an die Antike als Götter präsentiert – der zweigesichtige Janus als Januar, der Fruchtbarkeitsgott Vertumnus im April – oder als Figuren, die einer bestimmten Tätigkeit nachgingen – dem Baumschnitt, der Getreideernte, der Heumahd, der Weinlese, der Aussaat, dem Schlachten der Schweine.

Bis zum Spätmittelalter waren aus diesen Hinweisen auf für die jeweiligen Monate typische Tätigkeiten grandiose Illustrationen der mittelalterlichen Lebenswelt geworden, man sieht Bauern bei der Feldarbeit, der Schafschur, der Eichelmast, Adlige beim Maienritt, beim Blumenpflücken und Tändeln, bei Hoffesten und Jagden. Oft kommt es zu einer eigentümlichen Mischung der Motive: Kann im Januar Janus an einer Tafel gezeigt sein, wo er praktischerweise mit seinen beiden Gesichtern zugleich essen und trinken kann, finden wir in diesem Zusammenhang manchmal einen Hinweis auf die Kälte: ein Mann sitzt vor dem Feuer und wärmt sich. Wenn dann ein Fürst an einer prächtigen Tafel vor einem offenen Kamin sitzt, sind die beiden Motive miteinander verschmolzen.    

Die Monatsbilder gaben den Künstlern gegen Ende des Mittelalters die Möglichkeit, sich intensiv mit der Landschaft, mit dem Werden und Vergehen in der Natur, den Jahreszeiten, dem Alltag der Menschen, ihrer Arbeit und ihren Festen auseinanderzusetzen.
Diese Miniaturen gehören zu den großartigsten Kunstwerken, die uns aus dieser Zeit erhalten sind.    

Sehr häufig werden in Kalendern auch Heilige dargestellt oder Szenen aus dem Leben Christi gezeigt. Oft ist jenen Tagen, die im Text besonders gekennzeichnet sind, jeweils ein Bild zugeordnet. Wenn im Januar etwa die Beschneidung Christi, die Epiphanie, der heilige Vinzenz und die Bekehrung des Paulus rot hervorgehoben sind, werden konsequenterweise die Beschneidung, die Drei Könige, der Heilige Vinzenz und der Sturz des Paulus vom Pferd gezeigt.    

Teile diesen Beitrag auf:

Top